Mittwoch, 31. Dezember 2008

2009: Das Jahr, indem IBM jede Menge Jubiläen feiert, und sich auf 100 Jahre in Deutschland vorbereiten muss

2009 ist das Jahr, in dem die IBM-Benutzervereinigung GSE in Deutschland 50 Jahre alt wird. 2009 ist das Jahr, in dem IBM in den USA seit 85 Jahren den Namen IBM trägt. 2009 ist das Jahr, in dem ihre deutsche Tochter, die einstige Deutsche Hollerith Maschinengesellschaft, sich in Internationale Büro-Maschinen Deutschland, in IBM Deutschland, umtaufte.
Bei alldem ist es schon ein Kuriosum: Die IBM Deutschland ist eigentlich älter als ihre amerikanische Mutter. Während die IBM Corp. ihre Geburtstunde mit dem Eintritt von Thomas J. Watson Senior am 1. Mai 1914 angibt, feiert die IBM Deutschland 1910 als ihr Gründungsjahr. Damals wurde in Berlin die Deutsche Hollerith Maschinengesellschaft (Dehomag) aus der Taufe gehoben. Grund genug, in 2009 schon einmal ausführlich die Geschichte der IBM zu würdigen - zumal es im Oktober 2009 ganau 25 Jahre her ist, dass das Buch "Das blaue Wunder - Die IBM und ihre Mitbewerber" erschien. Der Autor ist Raimund Vollmer. Er begleitet seit 1975 die Geschichte der IBM und hat dazu ein umfangreiches Archiv aufgebaut. "Das blaue Wunder" wird hier ebenfalls als Tagebuch veröffentlicht.
Hinzu kommt, dass die IBM-Benutzervereinigung GuideShareEurope (GSE) in 2009 ein halbes Jahrhundert alt wird. Auch dies ist ein wichtiger Anlass, die Geschichte der IBM und ihrer Kunden Revue passieren zu lassen.

3.13 Strategie-Vergleich


Diese Zahlen bewerten eine unterschiedliche Strategie, mit der beide Unternehmen in den Markt drangen: Remington suchte den Erfolg in der ganzen Bandbreite der Büroausrüstung. Eine homogene Vertriebsorganisation war dadurch nicht möglich. Dies führte zu erheblichen Reibungsverlusten.
Die durchstrukturierte Verkaufsorganisation Watsons zeigte dem Mitbewerber, dass Diversifikation im Produktbereich zu Frustration im Profitbereich führt. Die Konzentration führte zur Explosion, die die Marktlandschaft für Jahrzehnte zugunsten der IBM veränderte.
In dieser Situation, in der sich der einzige Wettbewerber verzettelte, konnte die IBM eine Stratgie kultivieren, die ihre Kunden völlig an sie band. Lochkartenmaschinen wurden damals ausschließlich vermietet. Damit war die ständige Verbindung zum Kunden gewährleistet. Dieses Verhältnis wurde noch dadurch vertieft, indem der Konzern die Anwender dazu zwang, einzig IBM-Lochkarten zu benutzen. Dabei wurde eine Begründung vorgeschoben, die zwar einleuchtend klang, es aber nicht war. Die VBs argumentierten wie heute, wenn es um Mixed Hardware geht: "Unsere umfassenden Anforderungen an die Lochkarte werden durch die Maschine bestimmt. Es ist zu befürchten, dass Lochkarten, die sich unserer Qualitätskontrolle entziehen, nicht den Leistungsmerkmalen unserer Produkte genügen. Das könnte zu Betriebsstörungen führen, für die wir selbstverständlich keine Verantwortung übernehmen können."
1936 verbot der Oberste Gerichtshof der Vereinigten Staaten diese Koppelei und befahl das erste Unbundlíng. Konsequenzen: gleich null. Denn fleichzeitig wurde die IBM zum Lochkarten-TÜV erhoben: Sie allein bestimmte die Qualität der Karten, mit denen auf ihren Produkten gefahren werden durfte.
Die Marktbeherrschung im Lochkartengeschäft blieb unberührt. Sie war dann auch die Voraussetzung für den Erfolg mit den Computern, wobei die Mitbewerber wieder in die Röhre guckten.

Montag, 29. Dezember 2008

3.12 Ernte 46


Powers erlitt das Schicksal vieler späterer IBM-Mitbewerber. Zwar gelang dieser Firma zwar 1921 nochmals ein großer technischer Gag mit der Ankündigung eines alphanumerischen Buchungsautomaten, über den IBM erst zehn Jahre später verfügte. Hier zeigte sich zum ersten Mal , dass die IBM allein die Zeit festsetzt, zu der der Markt für eine technologische Neuheit bereit ist. Denn Powers verstand es nicht, über den Produktionsvorteil den Markt in den Griff zu bekommen. Die Kostensituation im Personalbereich bei den potentiellen Abnehmern erforderte einfach noch nicht den Einsatz moderner Raionalisierungsgeräte.
Zehn Jahre später war die Zeit reif, und IBM erntete. Der Umsatzanteil der Datenverarbeitungsgeräte schnellte auf 51 Prozent hoch.
Dieser Trend zur Produktkonzentration wird von dem Mitbewerber nicht nachvollzogen. Powers fusioniert 1927 mit Jim Rand zu einem Büromaschinenkonzern, der Remington Rand Corporation.
Vergleichspunkt 1930: In diesem Jahr fuhr die IBM einen Umsatz von 20,3 Millionen Dollar ein, Remington Rand erzielte 60 Millionen Dollar.
Vergleichspunkt 1946: Remington Rand steigert sich um 65 Prozent auf 107 Millionen Dollar. Die IBM katapultiert sich um 500 Prozent auf 119,4 Millionen Dollar.

Sonntag, 28. Dezember 2008

3.11 Im Spannungsfeld

1914: Neu bei der CTR - Thomas J. Watson Senior, der 1924 der Firma den Namen IBM gab.
Watson wurde mit seinem Eintritt in die CTR eine eindeutige Rolle zugewiesen: die unterschiedlichen Gruppeninteressen der zusammengewürfelten Gesellschaft zu konsolidieren. Das Spannungsfeld, in dem Watson agierte, wurde geladen von Flint, dem Konzernbastler, von Hollerith, dem eigenwilligen Erfinder, und von George W. Fairchild, dem Geldgeber. Watson löste sich aus diesem Interessenskonflikt durch totale Konzentration auf den Verkauf von Lochkartenanlagen, die 1924 bereits 25 Prozent des Umsatzes erbrachten.
Als Watson 1914 den Vertrieb startete, gab es bereits einen Konkurrenten, der bessere Geräte billiger verkaufte. Die Powers Company bot Produkte an, die eindeutige Vorteile aufwiesen: automatische Ergebnisdruckwerke und elektrisch betriebene Stanzer. Während Hollerith diese Tatsache engstirnig ignorierte, etablierte Watson das erste Crash-Programm unter dem Titel "Abteilung für Anforderungen der Zukunft". Dahinter verbarg sich nichts anderes, als das Konkurrenzprodukt auseinander zu nehmen, zu analysieren und zu verbessern.

Samstag, 27. Dezember 2008

3.10 Kleine Lochkarten-Lehre


Foto: Raimund Vollmer, 2004: IBM-Museum in Sindelfingen

Wer IBM sagt, meint den Markt. Wer den Markt nennt, meint IBM. Die absolute Dominanz des Multis gründete sich seit jeher weniger auf einen Innovationsvorsprung, den IBM nur selten besaß, sondern eher auf die Verzögerung von marktträchtigen Inventionen. Nach dem Motto, dass der "Profit im eigenen Lande nicht zählt" ging ein junger deutschstämmiger Bergwerksingenieur im letzten Quartal des vergangenen Jahrhunderts in Land der begrenzten Unmlglichkeiten und profilierte sich als Volkszähler der neuen Nation. Für diese Auswertung entwarf dieser Mann namens Hollerith Zählblättchen, die er zu Lochkarten weiterentwickelte. 1884 meldete er mehrere Patente zur Lochkartentechnik an, die er 1890 für die elfte Volkszählung anwandte. Von da an ging das neue Volkszählwerk durch die ganze Welt.
Die typische Konfiguration einer Lochkartenanlage blieb über Jahrzehnte hinweg erhalten und änderte sich lediglich in den Verarbeitungsgeschwindigkeiten. Grundsätzliche Ausrüstungselemente waren der Lochkartenstanzer (Locher) für die Datenerfassung, die Sortiermaschine zur verarbeitungsgerechten Aufreihung der Daten und die rechnende Tabelliermaschine zur Auswertung und Auflistung der Informationen.
Watson erkannte sofort den kommerziellen Nutzungswert dieses Verfahrens.
Zu Beginn der zwanziger Jahre war das Lochkartenverfahren nahezu ausschließlich in der öffentlichen Hand. Der erste kommerzielle Anwender war die New York Central Railroad, die für Frachtstatistiken und Buchführung eine Anlage anmietete. Der Siegeszug der Datenverarbeitung und der IBM begann. Gleichzeitig kam es zur ersten Marktaufteilung. Während sich der Hollerith-Jünger Powers mit der Neuentwicklung von neuen Maschinen auf elektromechanischer Weise beschäftigte, setzte Watson auf die Anziehungskraft der elektromagnetischen Produkte. Zwar gewann Powers das renommierträchtige Projekt der 13. Volkszählung, doch er konnte kein marktbestimmendes Kapital daraus schlagen, da er Watsons Verkaufsmethoden nichts entgegenzusetzen hatte.
Bis zum Beginn der sechziger Jahre des 20. Jahrhunderts dominierte das Loch, obwohl ein großartiger Innovationsschub bereits die Vorzeichen des Computerzeitalters gesetzt hatte, Die massenhafte Verbreitung von Lochkarten und Lochkartenmaschinen konservierte über eine Dekade hinweg das Röhrenzeitalter, das 1946 mit der Entwicklung von ENIAC durch Remington Rand eingeläutet wurde. Watsons starres Festhalten am Lochkartenprinzip war dennoch kein Schaden. Denn sein überaus cleveres Management beherrschte die marktkonforme Verzögerungstaktik exzellent. Als IBM nach Jahren mit Computern auf den Markt kam, war es die einfachste Übung für die Profis, aus dem Lochkartengeschäft einen neuen Erfolg zu stanzen.

Freitag, 26. Dezember 2008

3.9 Provinzialismus


Konzernschmied: Charles R. Flint (1925)

Nach diesem Coup, der eine große Breitenwirkung zur Folge hatte, gründete der Deutsch-Amerikaner 1896 die Tabulating Machine Company zur kommerziellen Ausschöpfung seiner Patente. Der Massenabsatz aber stockte. Hollerith fehlte dazu das Geld. Dies lag daran, dass er den Vertrieb amateurhaft organisiert hatte. Bis 1911 verfügte seine Firma über keinen einzigen Verkäufer. Hier zeigte sich erstmals der Mangel, unter dem noch heute viele Mitbewerber der IBM leiden: die Umsetzung von Investitionen in bare Münze. Hollerith, der keine Verkäufer hatte, verkaufte sich (und seine Idee) an C. Flint, eine der großen Unternehmerpersönlichkeiten dieser Zeit.
Flint kreierte Watson und damit IBM.
Watson führte das Unternehmen aus dem Provinzialismus Hollerithscher Prägung zum Zentrum der Datenverarbeitung. Allerdings benötigte er dafür fast zehn Jahre, die er in weitgehender Anonymität verbrachte. Erst mit der 1924 erfolgten Umbenennung der CTR in IBM leuchtete sein Name groß auf.

Dienstag, 23. Dezember 2008

3.8 Geschichtchen der DV

Bild: Herman Hollerith
Dieser Deutsche (Hollerith war deutschstämmig, d.Red.) stand in der Tradition von Denkern, die sich seit 2600 v. Chr. multinational mit der Entwicklung der Datenverarbeitung beschäftigten. Damals erfanden chinesische Rechenkünstler den Suan Pan. Der ägyptische Spross erfand 900 Jahre später die zweite prähistorische Generation auf den Weltmarkt, die weitere 1300 Jahre später als Abax in Griechenland auftauchte und die die Römer weitere 300 Jahre später zum Abakus perfektionierten. Danach: 1200 Jahre Denkpause. Erst der Spanier Lullus wagte sich 1275 wieder an den Entwurf einer Denkmaschine, die er für einen großangelegten Glaubensbeweis benötigte. Adam Riese (1520) und Wilhelm Schickard (1623) waren die ersten Deutschen, die in das Datenverarbeitungsgeschäft eingriffen. Schickard gilt als einer der Väter des Rechenmaschinenbaus, dessen sechsstellige Additions- und Subtraktionsmaschine der französische Philosoph Blaise Pascal um zwei Stellen erweiterte. Den technologischen Sprung auf ein System, das alle vier Grundrechenarten theoretisch beherrschte, schaffte Gottfried Wilhelm von Leibniz. Der Pfarrer Phillip M. Hahn, ein schwäbischer Tüftler, setzte Leibniz in die Praxis um und baute die erste funktionsfähige 4-Species-Rechenmaschine. So geschehen 1744.
Diese Maschine, die von Joseph-Marie Jacquard zum ersten "lochkartengesteuerten Prozessrechner" ausgefeilt wurde und deren Idee von Charles Babbage aufgegriffen wurde, war die Basis für den bis heute andauernden IBM-Erfolg, der von Herman Hollerith technologisch eingeleitet und von Thomas J. Watson kommerziell verwertet wurde.
Hollerith ist der Erfinder der Datenerfassung. Er setzte alles auf eine Karte, die eindeutig gezinkt war - durch das Loch. Damit hatte er die Neue Welt im Griff. Bei der amerikanischen Volkszählung in den 90er Jahren des 19. Jahrhunderts bewährte sich sein Lochkartenverfahren zum ersten Mal im Massentest.